Dieses Forum dient dem Austausch über Projekte, die sich mit dem Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso (1781-1838) beschäftigen. Wenn Sie Chamisso-Projekte vorstellen möchten, Unterstützung suchen oder Veranstaltungen ankündigen wollen, können Sie das auch als nicht registrierter Nutzer tun: Schicken Sie bitte eine Mail mit Ihren Informationen und Fragen an den Webmaster Michael Bienert. Das Forum ist ein Projekt von Text der Stadt.

Montag, 6. Februar 2017

Die Rezeption von Chamissos Lyrik

Lutz Hagestedt in Paris (2011)
Der kürzlich verstorbene Ingenieur Hans Braam hat eine Datenbank hinterlassen, in der er Lyrik-Anthologien auswertete. Mit den Daten lassen sich Aussagen über die Beliebtheit, aber auch über das Verschwinden von Gedichten Adelbert von Chamissos machen. Bis heute lassen sich mit Braams Erhebung 128 verschiedene Chamisso-Gedichte in 192 Anthologien nachweisen, das entspricht 862 Abdrucken insgesamt und einer bruchlosen Überlieferung seit bald zweihundert Jahren. Auf dieser empirischen Basis hat Lutz Hagestedt 2011 bei der Chamisso-Konferenz in Paris einen Überblick über die Rezeptionsstränge von Chamissos Lyrik gegeben. Zu ihren Bewunderern gehörten Fontane und Thomas Mann, ausgegrenzt aus dem "ewigen Vorrat deutscher Poesie" wurde Chamisso von Rudolf Borchardt, der es an der Zeit fand, "dass der falsche Klassikername aus lyrischen Sammlungen verschwindet". Es widersprach seinem nationalkonservativen Dichtungsverständnis, dass ein gebürtiger Franzose in der Lage sein sollte, großartige deutsche Gedichte zu schreiben. Umso mehr höher war das Ansehen Chamissos beim liberalen und jüdischen Bürgertum. In Anlehnung an Brecht unterscheidet Hagestedt eine "pontifikale" und "profane" Linie der Lyrikrezeption - in der letzteren, stärker auf die gesellschaftliche Wirklichkeit bezogenen Tradition wurde Chamisso meistens gesehen. Mit gehöriger Verspätung ist der Vortrag von Lutz Hagestedt nun im Druck erschienen:

Hans Braam, Lutz Hagestedt: »Und mehr, als Ein zerrissen Lied | entströmte seiner Brust!« Aspekte der Chamisso-Rezeption in Moderne und Gegenwart. In: Philologia Sanat. Studien für Hans-Albrecht Koch zum 70. Geburtstag. Hg. von Gabriella Rovagnati und Peter Sprengel. Frankfurt/M. [u.a.]: Peter Lang 2016. S. 257–286. ISBN 978-3-631-67695-0.

Freitag, 20. Januar 2017

Der letzte Chamisso-Preis geht an Abbas Khider

Foto: Yves Noir / Robert-Bosch-Stiftung
Der Schriftsteller Abbas Khider erhält den mit 15.000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung 2017. Mit diesem Preis wird sein bisheriges Gesamtwerk geehrt. Darin erweise sich Abbas Khider "als sprachsensibler Beobachter der Verzweiflung, Verstörtheit, Wut und Hoffnung junger Männer, die ihre Heimat verlassen müssen und Zuflucht in Europa suchen", so die Begründung der Jury. Mit der Wahl unterstreicht sie noch einmal die Bedeutung dieses Preises und was damit verloren geht: ein wirksames Förderinstrument für Schreibende, die in ihren Herkunftsländern keinerlei Chance auf eine literarische Karriere haben. In einer Zeit, in der Nationalisten und Rassisten immer hemmungsloser auftreten und politisch salonfähig werden, hat die Robert-Bosch-Stiftung mir ihrer Abschaffung des renommierten Literaturpreises das falsche Zeichen gesetzt.
Die mit je 7.000 Euro dotierten Förderpreise gehen an die Autorin Barbi Marković für ihren witz- und schwungreichen Stadtroman "Superheldinnen" (Residenz 2016) sowie an den Autor Senthuran Varatharajah für seinen originellen, als Facebook-Dialog aufgebauten Roman "Vor der Zunahme der Zeichen" (S. Fischer 2016). Weitere Informationen

Mittwoch, 4. Januar 2017

Schlemihl und das E. T. A. Hoffmann-Portal


Mit dem E. T. A. Hoffmann-Portal hat die Staatsbibliothek zu Berlin – zusammen mit ihren Projektpartnern Staatsbibliothek Bamberg und E.T.A. Hoffmann-Gesellschaft – ein bisher einzigartiges Angebot geschaffen: neben der Präsentation von digitalisierten Quellen, die in den beiden Staatsbibliotheken Berlin und Bamberg sowie vereinzelt auch in anderen Institutionen liegen, und der Möglichkeit einer übergreifenden Suche über unterschiedliche Kataloge, Datenbanken und Bibliographien hinweg, wird ein großes Spektrum an Themen zu E.T.A. Hoffmann und seinem Umfeld unter dem Motto Hoffmann Wissen für breite Zielgruppen aufbereitet. Das Angebot richtet sich sowohl an Forschende als auch an Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Interessierte. Die Betaversion ist seit Dezember 2016 online. Mehr lesen

Zum Hoffmann-Portal hat übrigens auch der Redakteur des Chamisso-Forums einen Überblicksartikel  über E. T. A. Hoffmanns Berlin beigesteuert: http://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/leben-und-werk/orte/berlin/

Chamissos Peter Schlemihl ist auf der sehr schönen interaktiven Karte zum "Kunzischen Riss" zu finden: http://etahoffmann.staatsbibliothek-berlin.de/leben-und-werk/orte/berlin/kunzscher-riss/

Goethe bekommt einen Online-Atlas - warum nicht auch Chamisso?

Ein Hinweis von Jobst Thürauf  - Adelbert von Chamisso (1781-1838) und J. W. von Goethe (1781-1832) waren Zeitgenossen. Neben gemeinsamen Interessengebieten (Literatur und naturwissenschaftliche Studien) bestehen sehr unterschiedliche (geographische) Lebensläufe: Der Geheimrat bereiste drei Nachbarländer Deutschlands, der Naturforscher umsegelte die Welt (1815 / 1818). Für Goethe liegt nun ein Atlas vor (www.goethe-atlas.de). Diese Internet-Präsentation könnte als Anregung dienen für ein vergleichbares Projekt über Chamisso.

Nachtrag: Auf der Website von Wilfried Probst kann man die Reiseroute Chamissos auf der "Rubrik" nachvollziehen (http://www.wilfried-probst.de/site/ankuendigung-der-palme-luftge-krone/ ), vgl. dazu auch den Blogeintrag zu seinem Buch (http://chamisso-forum.blogspot.de/2015/11/der-palme-luftge-krone-von-wilfried.html ).

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Der überschätzte Humboldt

Matthias Glaubrecht ist Gründungsdirektor des
Centrums für Naturkunde der
Universität Hamburg. Foto: Bienert
Im Tagesspiegel setzt sich Matthias Glaubrecht kritisch mit Andrea Wulfs Buch "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur" auseinander und kommt zu dem Schluss: "Statt einer Heroisierung Humboldts wird es Zeit, die geläufigen Erzählmuster seiner Biografie aufzubrechen und zu erkennen, dass der kosmische Ansatz von Humboldts Naturverständnis nicht zukunftsfähig war und sein Weltbild längst veraltet ist." Insbesondere verweist Glaubrecht auf Darwin, dessen Evolutionstheorie den Glauben an eine harmonische All-Einheit der Natur überwunden habe. Seine profunde Argumentation kann man hier nachlesen

Sonntag, 27. November 2016

Vortrag über Kamtschatka

Foto: Ulrich Wannhoff
Der Künstler, Chamisso- und Kamtschatka-Experte Ullrich Wannhoff hält am Dienstag, dem 29. 11. 2016 einen Bilder-Vortrag im Schnapphahn in der Babinischen Republik, Dresdener Straße 14, 10999 Berlin-Kreuzberg. Beginn: 21.11 Uhr (kein Druckfehler).

Mittwoch, 16. November 2016

Chamissos Schatten fürs Sofa

Wer nicht die Gelegenheit hatte oder es einfach nicht geschafft hat, zwölf Stunden im Kino zu verbringen, um der Filmemacherin Ulrike Ottinger auf ihrer Reise in die Beringsee zu folgen, kann das jetzt gemütlich eingemummelt auf dem heimischen Sofa tun. Ab sofort ist ihr Film "Chamissos Schatten" auf vier DVDs erhältlich. Kein schlechtes Weihnachtsgeschenk und ein passender Zeitvertreib für die langen Abende zwischen den Jahren! Mit ihrem Filmteam ist Ulrike Ottinger den Weltreisenden James Cook, Georg Wilhelm Steller und Adelbert von Chamisso in die entlegene Gegend zwischen Sibirien und Alaska nachgefahren, um sie als moderne Ethnologin und Naturforscherin mit der Kamera zu vermessen. Monate verbrachte sie im Schneideraum und montierte die Impressionen von heute mit den historischen Aufzeichnungen früherer Reisender (gelesen von Hanns Zischler, Thomas Thieme und Burkhardt Klaußner) zusammen. Über Ottingers Arbeit und ihre Reiseerfahrungen haben wir bereits berichtet. Hier kann man den außergewöhnlichen, alle herkömmliche Seherfahrungen sprengenden Film bestellen.

Freitag, 4. November 2016

Familie Chamisso auf der Flucht

Adelbert von Chamisso war das Kind einer Flüchtlingsfamilie. Anders als seine Eltern und Geschwister ist er nicht wieder in seinem Geburtsland Frankreich heimisch geworden, sondern nutzte seine Chance, sich in Deutschland aus der Familientradition zu befreien.

Adelberts Bruder Charles war Augenzeuge des
Sturms auf die Tuilerien in Paris, 1793
Von Michael Bienert - „Von Stadt zu Stadt irrend, ohne Bindungen, ohne Vaterland, fast ohne Hoffnung, die Stütze der Elenden, habe ich das Unglück kennengelernt“, heißt es in einem Schulaufsatz, den der junge Adelbert von Chamisso in Berlin verfasst: „Kaum war es mir vergönnt, den Erzeugern meiner Tage nützlich zu sein. An ihr Schicksal gebunden und ihren Schritten folgend, habe ich Brabant, Holland, das Reich durchmessen; überall bot sich ein Bild des Unglücks meinen Augen; überall fand ich Landsleute von allerhöchstem Rang ins Elend gestürzt.“ Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg, den die Französischen Revolution auslöst, finden Chamissos Eltern und ihre sechs Kinder 1796 eine sichere Bleibe in Berlin. Am Französischen Gymnasium holt der spätere Dichter und Naturforscher in Einzelstunden ein wenig Schulbildung nach. Kurz nach seinem 17. Geburtstag wird er in eine Fähnrichsuniform gesteckt und zum Exerzieren geschickt. Kanonenfutter kann der preußische König immer brauchen, die Herkunft spielt keine Rolle.
Der Vater Louis Marie de Chamissot, Graf von Boncourt, hofft auf eine glänzende Offizierslaufbahn für seinen zweitjüngsten Sohn. Früher hat der Graf eine berittene Kompagnie von Schweizergardisten des französischen Königs kommandiert. Die Familie Chamissot ist dem Königshaus seit Jahrhunderten eng verbunden. So dienen Hippolyte und Charles, die beiden ältesten Söhne des Grafen, als Pagen am Hof von Versailles und bereiten sich auf eine Karriere am Hof und in der Armee vor, bis die Revolution in Frankreich alle Zukunftspläne zunichte macht. Weiterlesen

Chamisso-Magazin Nr. 15 erschienen

Im neuen Chamisso-Magazin der Robert-Bosch-Stiftung stellt Rüdiger Görner die Grenzgängerin Maria Bodrožić vor, gratuliert Volker Braun dem Kollegen Adel Karalsholi zum 80. Geburtstag und würdigt Klaus Hübner den verstorbenen Imre Kertész. Zum Download

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Go Osaka an Chamissos Grab

Michael Bienert und Go Osaka bei
Lutter & Wegner. Foto: Tomo Miichi
Der vielfach preisgekrönte japanische Krimi- und Bestsellerautor Go Osaka schreibt an einem Roman über den romantischen Dichter und Richter E. T. A. Hoffmann. Auf einer Recherchetour durch Berlin hat Michael Bienert den japanischen Autor begleitet: zunächst ins Jüdische Museum, in dessen Altbau Hoffmann als Richter gearbeitet hat, in den von Daniel Libeskind entworfenen E. T. A. Hoffmann-Garten (heute Garten des Exils), dann auf die Friedhöfe vor dem Halleschen Tor zu den Gräbern Hoffmanns, Adelbert von Chamissos und der Familie Mendelssohn. Am Grab Chamissos wusste Osaka sofort bescheid: "Der Autor des Schlemihl!" Aber die Karikatur aus Hoffmanns Feder, die Chamisso bzw. Schlemihl als Forschungsreisenden auf einem Schifflein am Nordpol zeigt, war ihm neu. Weiter gings zum Gendarmenmarkt, viele Jahre Wohnsitz und Lebensmittelpunkt des Dichters, zum versteckten Hoffmann-Denkmal und in die Weinstube Lutter & Wegner. Über die Berlintour wird bald mehr in der japanischen Literaturzeitschrift "Shosetsu Shincho" zu lesen sein, denn Osaka wurde von einem Redakteur und einem Fotografen begleitet, außerdem von einer Übersetzerin und seiner Frau. Der weitgereisten Runde spendierte das Weinlokal eine Runde "Lutter & Wegner"-Sekt und die Japaner lernten den traditionellen Trinkspruch: "In Hoffmanno!"

Mittwoch, 21. September 2016

Der Chamisso-Preis wird abgeschafft - Preisträger protestieren

Diese Nachricht würde dem Namensgeber
Adelbert von Chamisso gar nicht
gefallen haben.
"Da bleibt einem die Spucke weg", kommentieren die Preisträger Ilija Trojanow und José F. A. Oliver in der F. A. Z.: Einer der renommiertesten und wirkungsvollsten Literaturpreise wird abgeschafft! Die Robert-Bosch-Stiftung will den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2017 zum letzten Mal vergeben. Das Presseecho ist kontrovers:

- Stefan Kister berichtet in den Stuttgarter Nachrichten.
- Ein kritischer Kommentar aus der Stuttgarter Zeitung
- Feridun Zaimoglu im Deutschlandradio Kultur
- Pro und Contra im Bayerischen Rundfunk
- Jörg Plath auf Deutschlandradio Kultur
- Preisträger Sherko Fatah im rbb-Kulturradio
- Preisträger Artur Becker spricht in der Frankfurter Rundschau von einer "technokratischen Entscheidung" und einem falschen Signal.

Freitag, 16. September 2016

Monsieur Gouvy und Herr Chamisso

Louis Théodore Gouvy
Eine fiktive Begegnung zwischen Adelbert von Chamisso und dem Komponisten Louis Théodore Gouvy kam bei der Saarbrücker Sommermusik zur Uraufführung, inszeniert von Bernd Reutler mit Livemusik und Videoinstallationen. Einen Radiobeitrag über diese deutsch-französische Begegnung im Grenzgebiet hören Sie in der SR-Mediathek (ab Minute 10).

Montag, 13. Juni 2016

Aus Chamissos Bibliothek: Jakob Böhme

In der Archivbibliothek der Evangelischen Kirche im Rheinland ist ein Werk des deutschen Mystikers, Philosophen und Theosophen Jakob Böhme (1575-1624) als ehemaliger Besitz Adelbert von Chamissos identifiziert worden: Theosophia Revelata. Das ist: Alle Göttliche Schriften des Gottseligen und Hocherleuchteten Deutschen Theosophi Jacob Böhmens, darinnen die allertieffesten Geheimnisse Gottes und seines Wesens … entdecket werden. … Anbey mit des… Johann Georg Gichtels … geistreichen Marginalien oder summarischen Einhalt … vermehret, 2 Teile gedruckt (ohne Ort) 1715, Umfang: 3928 Spalten. (Signatur Goe 6867.) Mehr dazu

Abendspaziergang ins Berlin der Romantik am 17. Juni 2016

Wegen der großen Nachfrage bietet Michael Bienert kurzfristig einen Abendspaziergang ins Berlin der Romantik an. Von den Gräbern E. T. A. Hoffmanns und Adelbert von Chamissos geht es zu Fuß zum Gendarmenmarkt.
Treffpunkt am 17. Juni 2016 um 19 Uhr am Friedhofseingang am Mehringdamm 21 (U-Bhf. Mehringdamm). Voranmeldung erwünscht, aber auch Kurzentschlossene sind willkommen! Kosten pro Person: 9 Euro

Donnerstag, 7. April 2016

Deutsch-jüdische Freundschaften, Partnerschaften und Feindschaften im Jüdischen Museum Berlin

Avi Lifschitz (links) und Conrad Wiedemann (rechts)
haben die Konferenz im Jüdischen Museum geplant.
Seit gestern widmet sich eine internationale Konferenz im Jüdischen Museum Berlin den "Freundschaften, Partnerschaften und Feindschaften" von deutschen und jüdischen Intellektuellen in Berlin um 1800. Was geschah in Berlin zwischen der Einladung Lessings an Moses Mendelssohn im Sommer 1755, gleichberechtigt an aufgeklärten Gesprächen in einem Gartenhaus an der Spandauer Straße teilzunehmen, und der rechtlichen Gleichstellung der Juden im Jahr 1812? Es gibt zur jüdischen Aufklärungsbewegung, der Haskala, inzwischen eine ausufernde Spezialliteratur, aber - so der Initiator der Konferenz Conrad Wiedemann - keine Gesamtschau der jüdischen Emanzipation als Teil des umstürzenden Mentalitätswandels in der Gesellschaft um 1800. Unklar ist die Rolle der christlichen Mitstreiter, die Juden bei ihrem Ausbruch aus dem rabbinischen Absonderungsgebot unterstützten. Und wie konnte die jüdische Emanzipationsbewegung derart erfolgreich sein, trotz der antisemitische Einstellungen eines großen Teils des gelehrten Berlin?
In seinem Einführungsvortrag sprach Conrad Wiedemann die heikle Frage an, wie denn Judensatiren in dieser Zeit zu bewerten seien. Karikaturen von Juden kommen auch in Werken von Philosemiten wie Julius von Voss vor, sie bedeuten nicht automatisch eine Denunziation sämtlicher Juden, sondern können unter Umständen als Kritik speziell an der jüdischen Orthodoxie gelesen werden, die sich der Haskala entgegen stellte. Die Frage hat eine gewisse Brisanz, weil die Unterstellung, E. T. A. Hoffmanns literarische Judenkarikaturen stempelten den Dichter zum Antisemiten, dazu geführt hat, dass im Jüdischen Museums heute nichts mehr an Hoffmann erinnert. Dabei hat Hoffmann im Altbau als Richter gearbeitet und gehörte für den Architekten Daniel Libeskind zu den geistesgeschichtlichen Bezugspunkten bei der Planung des Neubaus. Libeskinds E.-T.-A.-Hoffmann-Garten heißt heute "Garten des Exils". Michael Bienert macht dieses absurde Verschweigen in dem Buch E. T. A. Hoffmanns Berlin zum Ausgangspunkt seiner Recherche, ganz aktuell hat Alan Posener das Thema in der WELT aufgegriffen: "Ein Gespenst geht um im Jüdischen Museum ... Wie in Hoffmanns Erzählung Das öde Haus, in dem eine verrückte und gemeingefährliche Adelige von ihrer Familie weggesperrt wird, scheint man sich im Jüdischen Museum der gespenstischen Anwesenheit des Juristen, Künstlers, Komponisten und Dichters zu schämen. Hoffmann ist zu einem "Void" geworden, eine Leerstelle sowohl im alten Gebäude als auch im Neubau." (Hier können Sie den ganzen Beitrag lesen.) - Immerhin, es gibt einen Hoffnungsschimmer: In ihrer Begrüßung der Konferenzteilnehmer deutete Cilly Kugelmann vom Jüdischen Museum an, bei der Neugestaltung der Dauerausstellung wolle man  die deutsch-jüdische Interaktion stärker ins Licht rücken. Hoffmann, der engen Umgang mit jüdischen Freunden pflegte und dennoch Judensatiren veröffentlichte, wäre nicht das schlechteste Beispiel, die Ambivalenzen in den deutsch-jüdischen Beziehungen deutlich zu machen.

Mittwoch, 23. März 2016

Mit dem Kajak auf dem Kamtschatka-Fluss

Die höchste Vulkangruppe Kamtschatkas
Foto: Ulrich Wannhoff
Von der Halbinsel Kamtschatka segelte das russische Forschungsschiff "Rurik" im Sommer 1816 mit dem Naturforscher Adelbert von Chamisso an Bord in Richtung Nordosten, um die Passage von der Beringsee ins nördliche Eismeer zu suchen. Ulrike Ottingers Film "Chamissos Schatten" hat dieser entlegenen Weltgegend zwischen Sibirien und Alaska jüngst zu großer Publizität verholfen. Der Berliner Maler und Fotograf Ullrich Wannhoff kennt Kamtschatka noch besser, er ist dort schon seit vielen Jahren als Forschungsreisender und Reiseleiter oft monatelang unterwegs. In seinem neuen Buch berichtet er von einer einsamen Expedition auf dem Fluss Kamtschatka: über 400 Kilometer ist er in einem Kajak flussabwärts in Richtung Pazifik gepaddelt, fasziniert von der Schönheit der Landschaft, zerstochen von Mücken und immer auf der Hut vor wilden Bären. Wannhoff reist mit dem Bewusstsein der historischen Reiseberichte, ähnlich wie Chamisso vor 200 Jahren beobachtet er die Vogelwelt und sammelt Federn fürs Naturkundemuseum in Berlin, er zeichnet und fotografiert. Als Ethnologe des Alltags notiert er seine Begegnungen mit den Menschen aus einer postsozialistischen Gesellschaft. Wer sich mit Ullrich Wannhoff auf die Reise begeben will, kann das Buch auch direkt bei ihm bestellen und bekommt dann ein mit einer Zeichnung versehenes Exemplar:   http://www.ullrich-wannhoff.de/publikationen.html

Ullrich Wannhoff
Der stille Fluss Kamtschatka
Notschriften-Verlag, Radebeul 2016
ISBN 978-3-945481-26-4
200 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, 16,90 Euro


Samstag, 19. März 2016

Jüdische und christliche Intellektuelle um 1800: Konferenz im Jüdischen Museum Berlin

Julius Eduard Hitzig,
gezeichnet von E. T. A. Hoffmann
Wer die jüdische Emanzipation des 18. Jahrhunderts unter ihrem kommunikativen Aspekt betrachtet, stößt auf eine Vielzahl von individuellen und kultursymbiotischen Verbindungen zwischen Berliner Juden und Christen. Legendär ist die Freundschaft zwischen Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn. Andere markante Beispiele sind weniger bekannt, einige noch gänzlich unerforscht. Eine wissenschaftliche Konferenz in Berlin widmet sich vom 6. bis 8. April 2016 der Verbindung zwischen Salomon Maimon und Karl Philipp Moritz, Julius Eduard Hitzig und Adelbert von Chamisso, der Rolle Wilhelm von Humboldts im Salon von Henriette Herz oder der Präsenz von Juden in Friedrich Zelters »Sing-Akademie«. Die Konferenz wird von Avi Lifschitz (University College London) und Conrad Wiedemann (Technische Universität Berlin) in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Berlin ausgerichtet. Am 8. 4. 2016 um 15 Uhr spricht Anna Busch über Julius Eduard Hitzig als Mentor von Adelbert von Chamisso, E. T. A. Hoffmann und Friedrich de la Motte-Fouqué. Weitere Infos

Freitag, 11. März 2016

Ein Wendeheft zum Chamisso-Preis 2016

Die Robert Bosch Stiftung hat am 4. März in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz den 32. Adelbert-von-Chamisso-Preis verliehen: Die Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen Esther Kinsky und Uljana Wolf erhielten beide den mit je 15.000 Euro dotierten Preis. Esther Kinsky wird für ihr bisheriges Gesamtwerk geehrt, insbesondere für ihren Roman "Am Fluss" (2014). Mit ihrem Werk habe sie sich "als sprachsensible Beobachterin menschlicher Existenz im 21. Jahrhundert erwiesen", so die Jury. Esther Kinsky fasse "die Gefährdungen und die Schönheit eines durch und durch interkulturell geprägten Daseins in betörende Sprachbilder." Laudatorin Katharina Raabe stellte heraus: "Hier liegt ein Werk vor, das einen Verdichtungsprozess dokumentiert. Diese Autorin hat Sätze und Verse geschrieben, von einer Schönheit, dass man sich fragt, wer es ihr in der deutschen Gegenwartsliteratur gleichtun könnte." Uljana Wolf erhält den Chamisso-Preis für ihr bisheriges Gesamtwerk, insbesondere für ihren Lyrikband "Meine schönste Lengevitch" (2013). Michael Braun unterstrich in seiner Laudatio: "Ins Lot kommt in diesen Spracherkundungen nichts, nichts ist erstarrt, alles bleibt in Bewegung, in Gegenbewegung. Und für diese Bewegung, für diesen Unruhezustand des Poetischen, in der uns jedes Wort alarmiert, erhält Uljana Wolf heute den Adelbert-von-Chamisso-Preis."
Zur Preisverleihung ist das Chamisso-Magazin Nr. 14 erschienen, das diesmal nichts Neues über den Namensgeber bringt, dafür ausführliche Porträts der aktuellen Preisträgerinnen und Beiträge zu Zsuszsanna Gahse, Franco Biondi, Rafik Schami und Ilma Rakusa - alle vier AutorenInnen sind PreisträgerInnen vergangener Jahre und feiern in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag. Das Magazin steht online im PDF-Format hier zum Download bereit, die Printausgabe kann bei der Robert-Bosch-Stiftung angefordert werden und bietet ein besonderes Extra: Da es in diesem Jahr zwei gleichberechtigte Preisträgerinnen gibt, zeigt das Heft zwei Frontcover auf der Vorder- und Rückseite. Hat man dieses sogenannte Wendeheft bis zur Mitte gelesen, muss man es um 180 Grad drehen und kann dann vom anderen Titelblatt ausgehend die zweite Hälfte lesen.

Sonntag, 6. März 2016

Einfach Deutsch: ein Unterrichtsmodell zu "Peter Schlemihls wundersame Geschichte"

"Peter Schlemihls wundersame Geschichte" wird im Deutschunterricht nur selten behandelt. Um das zu ändern, hat der Berliner Lehrer Stephan Rauer vor knapp zwei Jahren eine vorbildliche Ausgabe für den Schulgebrauch herausgegeben und jetzt ein umfangreiches Unterrichtsmodell mit Lehrmaterialien vorgelegt. Rauer verweist darauf, dass das Netz noch nicht überschwemmt ist mit Schlemihl-Interpretationen und fertigen Hausarbeiten (wie es bei anderen klassischen Schullesetexten der  Fall ist): "Noch ist es möglich, frische Aufgaben zu dieser Erzählung zu stellen." Er zeigt unkonventionelle Möglichkeiten auf, Schüler mit der Schlemihl-Figur und dem Schattenmotiv vertraut zu machen, etwa mit Hilfe des bei Youtube auffindbaren Songs "Ich bin ein Schlemiel des Glücks" des jüdischen Komikers Mickey Katz. Über die Texterschließung hinaus werden verschiedene Deutungen der Erzählung als gesellschaftskritikischer Text analysiert und ihre Stellung innerhalb der literarischen Romantik zur Diskussion gestellt. Rauer nimmt Hans Natoneks Exilroman "Der Schlemihl" ebenso in den Blick wie eine nationalsozialistische Lesart von Chamissos Erzählung. Er weist nicht nur auf die Literatur der Chamisso-Preisträger hin, sondern druckt auch Maxim Billers Polemik gegen die "Onkel-Tom-Literatur" und eine Replik des Goethe-Institutspräsidenten Klaus-Dieter Lehmann ab. Weit davon entfernt, Chamissos märchenhafte Erzählung zum Exempel für eine Gattung, Epoche oder Thematik zu verkürzen, wählt Rauer die Uneindeutigkeiten des Textes und die Widersprüche der Rezeption als Ausgangspunkte für ein kontroverses Unterrichtsgespräch. Das Unterrichtsmodell gibt Lehrern eine Fülle von Bausteinen für spannende Deutschstunden an die Hand, die hoffentlich intensiv genutzt werden. Der 150 Seiten starke Band ist so materialreich und auf dem neuesten Stand, dass er nicht nur geeignet ist, Deutsch-Leistungskurse zu bestreiten, sondern ebensogut als Basis für einen Grundkurs an der Uni tauglich wäre.

Stephan Rauer
EinFach Deutsch Unterrichtsmodell
Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte
Schöningh Verlgad, Paderborn 2016
ISBN 978-3-14-022614
157 Seiten, 25,95 Euro