Dieses Forum dient dem Austausch über Projekte, die sich mit dem Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso (1781-1838) beschäftigen. Wenn Sie Chamisso-Projekte vorstellen möchten, Unterstützung suchen oder Veranstaltungen ankündigen wollen, können Sie das auch als nicht registrierter Nutzer tun: Schicken Sie bitte eine Mail mit Ihren Informationen und Fragen an den Webmaster Michael Bienert. Das Forum ist ein Projekt von Text der Stadt.

Montag, 13. Juni 2016

Aus Chamissos Bibliothek: Jakob Böhme

In der Archivbibliothek der Evangelischen Kirche im Rheinland ist ein Werk des deutschen Mystikers, Philosophen und Theosophen Jakob Böhme (1575-1624) als ehemaliger Besitz Adelbert von Chamissos identifiziert worden: Theosophia Revelata. Das ist: Alle Göttliche Schriften des Gottseligen und Hocherleuchteten Deutschen Theosophi Jacob Böhmens, darinnen die allertieffesten Geheimnisse Gottes und seines Wesens … entdecket werden. … Anbey mit des… Johann Georg Gichtels … geistreichen Marginalien oder summarischen Einhalt … vermehret, 2 Teile gedruckt (ohne Ort) 1715, Umfang: 3928 Spalten. (Signatur Goe 6867.) Mehr dazu

Abendspaziergang ins Berlin der Romantik am 17. Juni 2016

Wegen der großen Nachfrage bietet Michael Bienert kurzfristig einen Abendspaziergang ins Berlin der Romantik an. Von den Gräbern E. T. A. Hoffmanns und Adelbert von Chamissos geht es zu Fuß zum Gendarmenmarkt.
Treffpunkt am 17. Juni 2016 um 19 Uhr am Friedhofseingang am Mehringdamm 21 (U-Bhf. Mehringdamm). Voranmeldung erwünscht, aber auch Kurzentschlossene sind willkommen! Kosten pro Person: 9 Euro

Donnerstag, 7. April 2016

Deutsch-jüdische Freundschaften, Partnerschaften und Feindschaften im Jüdischen Museum Berlin

Avi Lifschitz (links) und Conrad Wiedemann (rechts)
haben die Konferenz im Jüdischen Museum geplant.
Seit gestern widmet sich eine internationale Konferenz im Jüdischen Museum Berlin den "Freundschaften, Partnerschaften und Feindschaften" von deutschen und jüdischen Intellektuellen in Berlin um 1800. Was geschah in Berlin zwischen der Einladung Lessings an Moses Mendelssohn im Sommer 1755, gleichberechtigt an aufgeklärten Gesprächen in einem Gartenhaus an der Spandauer Straße teilzunehmen, und der rechtlichen Gleichstellung der Juden im Jahr 1812? Es gibt zur jüdischen Aufklärungsbewegung, der Haskala, inzwischen eine ausufernde Spezialliteratur, aber - so der Initiator der Konferenz Conrad Wiedemann - keine Gesamtschau der jüdischen Emanzipation als Teil des umstürzenden Mentalitätswandels in der Gesellschaft um 1800. Unklar ist die Rolle der christlichen Mitstreiter, die Juden bei ihrem Ausbruch aus dem rabbinischen Absonderungsgebot unterstützten. Und wie konnte die jüdische Emanzipationsbewegung derart erfolgreich sein, trotz der antisemitische Einstellungen eines großen Teils des gelehrten Berlin?
In seinem Einführungsvortrag sprach Conrad Wiedemann die heikle Frage an, wie denn Judensatiren in dieser Zeit zu bewerten seien. Karikaturen von Juden kommen auch in Werken von Philosemiten wie Julius von Voss vor, sie bedeuten nicht automatisch eine Denunziation sämtlicher Juden, sondern können unter Umständen als Kritik speziell an der jüdischen Orthodoxie gelesen werden, die sich der Haskala entgegen stellte. Die Frage hat eine gewisse Brisanz, weil die Unterstellung, E. T. A. Hoffmanns literarische Judenkarikaturen stempelten den Dichter zum Antisemiten, dazu geführt hat, dass im Jüdischen Museums heute nichts mehr an Hoffmann erinnert. Dabei hat Hoffmann im Altbau als Richter gearbeitet und gehörte für den Architekten Daniel Libeskind zu den geistesgeschichtlichen Bezugspunkten bei der Planung des Neubaus. Libeskinds E.-T.-A.-Hoffmann-Garten heißt heute "Garten des Exils". Michael Bienert macht dieses absurde Verschweigen in dem Buch E. T. A. Hoffmanns Berlin zum Ausgangspunkt seiner Recherche, ganz aktuell hat Alan Posener das Thema in der WELT aufgegriffen: "Ein Gespenst geht um im Jüdischen Museum ... Wie in Hoffmanns Erzählung Das öde Haus, in dem eine verrückte und gemeingefährliche Adelige von ihrer Familie weggesperrt wird, scheint man sich im Jüdischen Museum der gespenstischen Anwesenheit des Juristen, Künstlers, Komponisten und Dichters zu schämen. Hoffmann ist zu einem "Void" geworden, eine Leerstelle sowohl im alten Gebäude als auch im Neubau." (Hier können Sie den ganzen Beitrag lesen.) - Immerhin, es gibt einen Hoffnungsschimmer: In ihrer Begrüßung der Konferenzteilnehmer deutete Cilly Kugelmann vom Jüdischen Museum an, bei der Neugestaltung der Dauerausstellung wolle man  die deutsch-jüdische Interaktion stärker ins Licht rücken. Hoffmann, der engen Umgang mit jüdischen Freunden pflegte und dennoch Judensatiren veröffentlichte, wäre nicht das schlechteste Beispiel, die Ambivalenzen in den deutsch-jüdischen Beziehungen deutlich zu machen.

Mittwoch, 23. März 2016

Mit dem Kajak auf dem Kamtschatka-Fluss

Die höchste Vulkangruppe Kamtschatkas
Foto: Ulrich Wannhoff
Von der Halbinsel Kamtschatka segelte das russische Forschungsschiff "Rurik" im Sommer 1816 mit dem Naturforscher Adelbert von Chamisso an Bord in Richtung Nordosten, um die Passage von der Beringsee ins nördliche Eismeer zu suchen. Ulrike Ottingers Film "Chamissos Schatten" hat dieser entlegenen Weltgegend zwischen Sibirien und Alaska jüngst zu großer Publizität verholfen. Der Berliner Maler und Fotograf Ullrich Wannhoff kennt Kamtschatka noch besser, er ist dort schon seit vielen Jahren als Forschungsreisender und Reiseleiter oft monatelang unterwegs. In seinem neuen Buch berichtet er von einer einsamen Expedition auf dem Fluss Kamtschatka: über 400 Kilometer ist er in einem Kajak flussabwärts in Richtung Pazifik gepaddelt, fasziniert von der Schönheit der Landschaft, zerstochen von Mücken und immer auf der Hut vor wilden Bären. Wannhoff reist mit dem Bewusstsein der historischen Reiseberichte, ähnlich wie Chamisso vor 200 Jahren beobachtet er die Vogelwelt und sammelt Federn fürs Naturkundemuseum in Berlin, er zeichnet und fotografiert. Als Ethnologe des Alltags notiert er seine Begegnungen mit den Menschen aus einer postsozialistischen Gesellschaft. Wer sich mit Ullrich Wannhoff auf die Reise begeben will, kann das Buch auch direkt bei ihm bestellen und bekommt dann ein mit einer Zeichnung versehenes Exemplar:   http://www.ullrich-wannhoff.de/publikationen.html

Ullrich Wannhoff
Der stille Fluss Kamtschatka
Notschriften-Verlag, Radebeul 2016
ISBN 978-3-945481-26-4
200 Seiten, zahlreiche Farbabbildungen, 16,90 Euro


Samstag, 19. März 2016

Jüdische und christliche Intellektuelle um 1800: Konferenz im Jüdischen Museum Berlin

Julius Eduard Hitzig,
gezeichnet von E. T. A. Hoffmann
Wer die jüdische Emanzipation des 18. Jahrhunderts unter ihrem kommunikativen Aspekt betrachtet, stößt auf eine Vielzahl von individuellen und kultursymbiotischen Verbindungen zwischen Berliner Juden und Christen. Legendär ist die Freundschaft zwischen Gotthold Ephraim Lessing und Moses Mendelssohn. Andere markante Beispiele sind weniger bekannt, einige noch gänzlich unerforscht. Eine wissenschaftliche Konferenz in Berlin widmet sich vom 6. bis 8. April 2016 der Verbindung zwischen Salomon Maimon und Karl Philipp Moritz, Julius Eduard Hitzig und Adelbert von Chamisso, der Rolle Wilhelm von Humboldts im Salon von Henriette Herz oder der Präsenz von Juden in Friedrich Zelters »Sing-Akademie«. Die Konferenz wird von Avi Lifschitz (University College London) und Conrad Wiedemann (Technische Universität Berlin) in Kooperation mit dem Jüdischen Museum Berlin ausgerichtet. Am 8. 4. 2016 um 15 Uhr spricht Anna Busch über Julius Eduard Hitzig als Mentor von Adelbert von Chamisso, E. T. A. Hoffmann und Friedrich de la Motte-Fouqué. Weitere Infos

Freitag, 11. März 2016

Ein Wendeheft zum Chamisso-Preis 2016

Die Robert Bosch Stiftung hat am 4. März in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchner Residenz den 32. Adelbert-von-Chamisso-Preis verliehen: Die Schriftstellerinnen und Übersetzerinnen Esther Kinsky und Uljana Wolf erhielten beide den mit je 15.000 Euro dotierten Preis. Esther Kinsky wird für ihr bisheriges Gesamtwerk geehrt, insbesondere für ihren Roman "Am Fluss" (2014). Mit ihrem Werk habe sie sich "als sprachsensible Beobachterin menschlicher Existenz im 21. Jahrhundert erwiesen", so die Jury. Esther Kinsky fasse "die Gefährdungen und die Schönheit eines durch und durch interkulturell geprägten Daseins in betörende Sprachbilder." Laudatorin Katharina Raabe stellte heraus: "Hier liegt ein Werk vor, das einen Verdichtungsprozess dokumentiert. Diese Autorin hat Sätze und Verse geschrieben, von einer Schönheit, dass man sich fragt, wer es ihr in der deutschen Gegenwartsliteratur gleichtun könnte." Uljana Wolf erhält den Chamisso-Preis für ihr bisheriges Gesamtwerk, insbesondere für ihren Lyrikband "Meine schönste Lengevitch" (2013). Michael Braun unterstrich in seiner Laudatio: "Ins Lot kommt in diesen Spracherkundungen nichts, nichts ist erstarrt, alles bleibt in Bewegung, in Gegenbewegung. Und für diese Bewegung, für diesen Unruhezustand des Poetischen, in der uns jedes Wort alarmiert, erhält Uljana Wolf heute den Adelbert-von-Chamisso-Preis."
Zur Preisverleihung ist das Chamisso-Magazin Nr. 14 erschienen, das diesmal nichts Neues über den Namensgeber bringt, dafür ausführliche Porträts der aktuellen Preisträgerinnen und Beiträge zu Zsuszsanna Gahse, Franco Biondi, Rafik Schami und Ilma Rakusa - alle vier AutorenInnen sind PreisträgerInnen vergangener Jahre und feiern in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag. Das Magazin steht online im PDF-Format hier zum Download bereit, die Printausgabe kann bei der Robert-Bosch-Stiftung angefordert werden und bietet ein besonderes Extra: Da es in diesem Jahr zwei gleichberechtigte Preisträgerinnen gibt, zeigt das Heft zwei Frontcover auf der Vorder- und Rückseite. Hat man dieses sogenannte Wendeheft bis zur Mitte gelesen, muss man es um 180 Grad drehen und kann dann vom anderen Titelblatt ausgehend die zweite Hälfte lesen.

Sonntag, 6. März 2016

Einfach Deutsch: ein Unterrichtsmodell zu "Peter Schlemihls wundersame Geschichte"

"Peter Schlemihls wundersame Geschichte" wird im Deutschunterricht nur selten behandelt. Um das zu ändern, hat der Berliner Lehrer Stephan Rauer vor knapp zwei Jahren eine vorbildliche Ausgabe für den Schulgebrauch herausgegeben und jetzt ein umfangreiches Unterrichtsmodell mit Lehrmaterialien vorgelegt. Rauer verweist darauf, dass das Netz noch nicht überschwemmt ist mit Schlemihl-Interpretationen und fertigen Hausarbeiten (wie es bei anderen klassischen Schullesetexten der  Fall ist): "Noch ist es möglich, frische Aufgaben zu dieser Erzählung zu stellen." Er zeigt unkonventionelle Möglichkeiten auf, Schüler mit der Schlemihl-Figur und dem Schattenmotiv vertraut zu machen, etwa mit Hilfe des bei Youtube auffindbaren Songs "Ich bin ein Schlemiel des Glücks" des jüdischen Komikers Mickey Katz. Über die Texterschließung hinaus werden verschiedene Deutungen der Erzählung als gesellschaftskritikischer Text analysiert und ihre Stellung innerhalb der literarischen Romantik zur Diskussion gestellt. Rauer nimmt Hans Natoneks Exilroman "Der Schlemihl" ebenso in den Blick wie eine nationalsozialistische Lesart von Chamissos Erzählung. Er weist nicht nur auf die Literatur der Chamisso-Preisträger hin, sondern druckt auch Maxim Billers Polemik gegen die "Onkel-Tom-Literatur" und eine Replik des Goethe-Institutspräsidenten Klaus-Dieter Lehmann ab. Weit davon entfernt, Chamissos märchenhafte Erzählung zum Exempel für eine Gattung, Epoche oder Thematik zu verkürzen, wählt Rauer die Uneindeutigkeiten des Textes und die Widersprüche der Rezeption als Ausgangspunkte für ein kontroverses Unterrichtsgespräch. Das Unterrichtsmodell gibt Lehrern eine Fülle von Bausteinen für spannende Deutschstunden an die Hand, die hoffentlich intensiv genutzt werden. Der 150 Seiten starke Band ist so materialreich und auf dem neuesten Stand, dass er nicht nur geeignet ist, Deutsch-Leistungskurse zu bestreiten, sondern ebensogut als Basis für einen Grundkurs an der Uni tauglich wäre.

Stephan Rauer
EinFach Deutsch Unterrichtsmodell
Adelbert von Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte
Schöningh Verlgad, Paderborn 2016
ISBN 978-3-14-022614
157 Seiten, 25,95 Euro

Freitag, 4. März 2016

Wer liest das Forum?

Die Karte rechts zeigt, von wo aus im vergangenen Monat auf das Chamisso-Forum zugegriffen wurde. Besonders groß ist das Interesse in den USA, Frankreich, Russland, Brasilien und Alaska. Hier die Zahlen von Google: Deutschland (1079 Seitenaufrufe), Vereinigte Staaten (86), Ukraine (73), Frankreich (58), Russland (32), Brasilien (30),Japan (27), Schweden (19), Schweiz (8), Hongkong (8). Die Chamisso-Community ist überschaubar, nimmt das Angebot des Forums aber intensiv wahr, jedenfalls nach Aussage mehrerer Teilnehmer der Berliner Chamisso-Konferenz in der vorigen Woche. Der meistbesuchte Eintrag stammt von dem Londoner Chamisso-Forscher Bernd Ballmann (http://chamisso-forum.blogspot.de/2011/10/liebe-im-herbst.html) mit bisher weit über 2000 Lesern.

Freitag, 26. Februar 2016

Monsieur Pille

Ce n´est pas
Monsieur Pille,
c´est moi.
Von Peter Schlemihl - Mein Freund Chamisso hat nicht damit gerechnet, dass seine Papiere und Briefe irgendwann von der ganzen Welt würden gelesen werden können. Nun steht fast alles, was er hinterlassen hat, im Netz. Und worüber wird diskutiert? Ob es sich bei seinem zwei Jahrzehnte nach seiner Weltreise auf Basis älterer Notizen und Briefe verfassten literarischen Reisebericht um ein "Hybrid" handelt oder doch eher um eine Derridasche "Pfropfung". Da lacht der Botaniker! Ich traute meinen Ohren nicht, als ich mich heute unerkannt unter die Hörer des Chamissokongresses in der Berliner Staatsbibliothek mischte. Weitab derartiger "Forschungsdiskussionen" (= Kämpfe um begriffliche Hegemonie) bewegte sich der Beitrag meines lieben Monsieur Pille aus Paris. Er kennt den Chamisso-Nachlass seit Jahrzehnten und durchdringt den Wust der Überlieferung mit dem Auge eines wahrhaft gebildeten Menschen. "Das Offenbaren des Eigenen durch den fremden Blick" lautete der Titel seines Vortrags, und was das heißt, illustrierte Pille an einer Episode von Chamissos Weltreise: Eingeborene von Pazifikinseln besichtigen neugierig das russische Forschungsschiff "Rurik" und turnen fröhlich in der Takelage herum, trauen sich aber kaum in den dunklen, engen und düstern Schiffsbauch hinein. In diesem Zusammenhang beschreibt Chamisso geschlossene Räume als "Mördergrube"- für Pille ein Beleg für die Abneigung Chamissos gegen die Enge des Biedermeiers. Chamissos berühmtes Gedicht über das väterliche Schloss Boncourt liest der Pariser Literaturwissenschaftler nicht als Dokument des Verlusts, sondern lenkt den Blick auf die Befreiung, die für den Dichter in der Zerstörung des Familienschlosses gelegen habe. Pille streift zumindest den politischen Autor Chamisso, und er muss den Begriff "Flüchtlingskrise" gar nicht in den Mund nehmen, um die Anschlussfähigkeit von Chamissos Werk an die drängendsten Probleme der Gegenwart zu beweisen. Dem Liebhaber der deutschen Romantik genügt ein Seitenverweis auf Hölderlins Gedicht "Brot und Wein": "So komm, dass wir das Offene schauen, / Dass ein Eigenes wir suchen, so weit es auch ist."

Donnerstag, 25. Februar 2016

"Weltreisen"-Konferenz in der Berliner Staatsbibliothek eröffnet

Das "Aufzeichnen, Aufheben, Weitergeben" im Werk der Weltreisenden Forster, Chamisso und Humboldt steht im Zentrum der wissenschaftlichen Konferenz, die noch bis kommenden Samstag allen Interessierten offen steht. In seinem Eröffnungsvortrag beleuchtete Walter Erhard von der Universität Bielefeld vor allem das Verhältnis von Alexander von Humboldt und Adelbert von Chamisso. Für den Jüngeren war der ältere Naturforscher ein übermächtiges Vorbild, doch war er eigenständig genug, aus dem langen Schatten Humboldts herauszutreten. Während für diesen die Naturforschung und die Literatur noch untrennbar zusammengehörten, fielen für Chamisso beide Wissenskulturen bereits auseinander. Sein Werk vereint sie, doch Chamisso selbst trennte scharf zwischen seiner Arbeit als Naturwissenschaftler und als Poet, beides ging nicht zwanglos für ihn zusammen. Während Humboldt noch versuchte, die Welt als große Einheit zu fassen, thematisierte der Weltreisende Chamisso immer wieder die Disparatheit seiner Beobachtungen und Erfahrungen. Chamisso "Reise um die Welt", so Erhard, könne geradezu als Gegenentwurf zu Humboldts "Kosmos" gelesen werden. Indem er nicht nach Einheit strebe, sondern das Nebeneinander von Natur- und Kulturphänomenen schildere, nehme Chamisso quasi eine postkoloniale Perspektive ein - jedenfalls stehe diese Sicht auf die Welt gleichberechtigt neben derjenigen des übermächtigen Vorbilds Humboldt.
Die weiteren Beiträge des ersten Kongresstages beschäftigten sich vor allem mit der Materialgrundlage der Forschung, den vorhandenen Nachlässen der Weltreisenden, ihrer Erschließung und Digitalisierung. Das straffe Vortragsprogramm der nächsten zwei Tage ist hier nachzulesen.

Chamisso-Preisträger Abbas Khider in der Akademie der Künste

Abbas Khider am 24. 2. 2016
in der Akademie der Künste
Großer Bahnhof für den schon vor etlichen Jahren aus Saddams Husseins Irak nach Deutschland geflohenen Schriftsteller Abbas Khider und für sein viertes in deutscher Sprache geschriebenes Buch! Die Akademie der Künste stellte für die offizielle Buchpremiere ihren großen Saal am Pariser Platz zur Verfügung, mit Panoramablick auf das nächtlich illuminierte Brandenburger Tor. Neben Akademiepräsidentin Janine Meerapfel war auch Ehrenpräsident Klaus Staeck im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal. Khiders Ohrfeige erzählt von Flüchtlingsschicksalen in Deutschland, allerdings liegen die geschilderten Ereignisse in Asylantenheimen, Behördenstuben und Shopping-Centern bayerischer Kleinstädte mehr als zehn Jahre zurück. Er brauche den zeitlichen Abstand, betont Khider im von Insa Wilke klug und unterhaltsam geführten Gespräch. Wenn er emotional allzu involviert sei, dann könne er nicht gut schreiben. Vor vier Jahren sei es soweit gewesen, sich den Erfahrungen in Deutschland zuzuwenden. In der deutschen Literatur existierte seines Wissens kein Roman, so Khider, der in einem Asylantenheim spielt, also habe er diese Herausforderung angenommen. Großen Wert legt Khider auf die Stimmigkeit der historischen Fakten, auch wenn die Figuren und manche Orte erfunden seien. Ihn freue es, dass bis jetzt keinem der Kritiker, die den Roman als dokumentarische Literatur lasen, aufgefallen sei, dass der Schauplatz Niederhofen an der Donau nur in der Fiktion existiere. Khider, der mehr als ein Dutzend Mal im Gefängnis saß, hat das Lachen nicht verlernt. Augenzwinkernd erzählt er von den Nöten der Flüchtlinge und ihren Überlebensstrategien, etwa vom Nutzen der Süddeutschen Zeitung: Wer sich in Bayern dahinter verstecke,  dessen Papiere würden ganz sicher nicht von Polizisten kontrolliert. Das Lachen und der leichte Ton seiner Romane sei seine Waffe im Kampf gegen das Unerträgliche. Dass dieser eingebürgerte und erfolgreiche Autor nach vielen Jahren immer noch mit der deutschen Sprache kämpft, ist unüberhörbar, wenn er seine Prosa liest. Sein Schreiben zwischen zwei Sprachen, dem Arabischen und Deutschen, verglich er mit einem flotten Dreier: "Die deutsche Sprache ist sehr dominant, sie fesselt mich, und ihre strengen Regeln machen mich immer noch unsicher. Aber langsam wird es besser."

Dienstag, 23. Februar 2016

Das Herbarium der Macht

Bei Verhandlungen zu diplomatischen Abkommen flankieren Blumenarrangements die Zusammenkünfte internationaler Verhandlungspartner. Das Werk Paperwork and the Will of Capital von Tara Simon untersucht die Bedeutung dieser individuell komponierten Blumenarrangements, die bei internationalen Staatsabkommen die Verhandlungstische schmücken. Die Bouquets werden zu Repräsentationszwecken zusammengestellt und betonen die Wichtigkeit der Vereinbarungen. In akribischer Feinarbeit reflektiert Taryn Simon anhand dieser scheinbar banalen Ornamentik das Genre Stillleben: Sie untersucht das Ausmaß des internationalen Pflanzenhandels und der aktuellen Geopolitik, um die Inszenierung politischer Macht zu hinterfragen. Es sind die Bouquets der bedeutendsten historischen Staatsabkommen der letzten vierzig Jahre, die Simon anhand von Archivbildern rekonstruiert. Sie beschafft sich die Pflanzen aus aller Welt, presst und trocknet sie und präsentiert in diesem Zuge ein faszinierendes Herbarium. (Quelle: Hatje Cantz Verlag, Ankündigung des Buches)

Taryn Simon
Paperwork and the Will of Capital
Texte von Kate Fowle, Daniel Atha, Hanan al-Shaykh Grafikdesign von Taryn Simon und Joseph Logan
Englisch, 200 Seiten, 1006 Abbildungen 25,5 x 33,7 cm
In Leinen gebundene Ausgabe: ISBN 978-3-7757-4157-6
Hatje Cantz Verlag & Gagosian Gallery New York, 2016, 78 Euro

Bilder der aktuellen Ausstellung in der Gagosian Gallery, New York, finden Sie hier.

Donnerstag, 18. Februar 2016

Leuchtkäfer und Orgelkoralle

Leuchtende Käfer und Medusen, phosphoreszierende Meereswellen oder zu Stein erstarrende Korallen faszinierten den bisher vornehmlich als Dichter portraitierten Naturforscher Adelbert von Chamisso. Intensiver noch als den zoologischen und geologischen Phänomenen widmete er sich der Scientia amabilis – der liebenswerten Wissenschaft von den Pflanzen. Der vielseitig Talentierte verfasste seine Reise um die Welt (1836), die bis heute als eine der stilistisch anspruchvollsten und lesenswertesten Reisebeschreibungen gilt.
Die Dissertation von Yvonne Maaß widmet sich dezidiert den naturkundlichen Forschungen Chamissos im Kontext der dreijährigen Rurik-Expedition sowie den zugehörigen Textproduktionen. Mit einem umfassenden Text- und Materialkorpus werden literatur- und kulturwissenschaftliche sowie wissenschaftshistorische Fragestellungen an das Werk gelegt und ertragreich beantwortet. Für die Reiseliteraturforschung wird bisher unbeachtetes Quellenmaterial ans Licht gebracht, gängige Thesen werden widerlegt, Quellen anderer Besatzungsmitglieder vergleichend betrachtet. Die Studie stellt den Naturforscher Chamisso in den Fokus, ohne den Dichter auszublenden, und widmet sich Fragen der Generierung, Vernetzung und Darstellung naturkundlichen Wissens in Texten, Illustrationen und Materialien zur Expedition – sie ist insgesamt für die Literatur- und Geschichtswissenschaft ebenso innovativ wie für die interdisziplinäre Geschichte des Wissens (Quelle: Verlag Königshausen & Neumann).

Yvonne Maaß
Leuchtkäfer & Orgelkoralle.
Chamissos ,Reise um die Welt mit der Romanzoffischen Entdeckungs-Expedition‘ (1815-1818) 
im Wechselspiel von Naturkunde und Literatur. 
Epistemata - Literaturwissenschaft, Bd. 852.
ISBN: 978-3-8260-5833-2 542
Königshausen & Neumann, 2016
542 Seiten, 68 Euro

Am 27. Februar 2016 um 10.30 Uhr hält die Autorin einen Vortrag auf der Chamisso-Konferenz in der Staatsbibliothek zu Berlin zum Thema Pompelmuße, Cocosnuß und Brodbaum. Georg Forsters botanische Studien in drei Dimensionen: Systematisierung, außereuropäische kulturelle Praxen und Skorbutprophylaxe an Bord

Samstag, 6. Februar 2016

"Chamissos Schatten" auf der Berlinale

Am Freitag, dem 12. Februar, startet das Forum der Berlinale mit der Premiere des 709 Minuten langen Dokumentarfilms „Chamissos Schatten“ von Ulrike Ottinger, am 18., 19. und 20. Februar werden die drei Kapitel des Films jeweils in Einzelaufführungen wiederholt:
10.2., 10 Uhr: Haus der Berliner Festspiele, Schaperstraße 24
18, 19., 20.2.: CineStar, Potsdamer Straße 4

Neue Romane zum Thema Migration...

...stellt Richard Kaemmerlings in der WELT vor, mit einem Seitenblick auf die Literatur der Chamisso-Preisträger:
http://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article151900459/Der-Roman-ist-ein-Fremder.html

Freitag, 29. Januar 2016

Literarische Weltreisen - Band 20 der Georg-Forster-Studien erschienen

Georg-Forster-Studien XX: Literarische Weltreisen
Herausgegeben von Stefan Greif und Michael Ewert unter Mitarbeit von Anna-Carina Meywirth 
354 Seiten, 34 Euro
ISBN 978-3-7376-0056-9

Donnerstag, 21. Januar 2016

Chamisso und die Mona Lisa von Hamburg

Die Stoßzähne des Narwals wurden früher dem
legendären Einhorn zugeschrieben. 

Hanseatische Naturkundler nennen ihn liebevoll die "Mona Lisa Hamburgs": einen mit zwei Stoßzähnen bewaffneten Schädel eines Narwalweibchens, den Chamisso 1815 bewunderte, als er auf seiner Weltreise in Hamburg Station machte. Nun wird dieses seltene Stück mit neuesten wissenschaftlichen Methoden untersucht - auch um sicherzugehen, dass es sich bei dem Wal wirklich um ein weibliches Exemplar handelte. Mehr dazu lesen Sie hier.

Chamisso-Konferenz in Berlin vom 25. bis 27. Februar 2016 - jetzt online anmelden

Kamtschatka, eines der Reiseziele Chamissos
Die von Deutschland ausgehenden (Welt)reisen um 1800 stehen im Fokus der 3. Internationalen Chamissokonferenz. Mit Reinhold und Georg Forster, Alexander von Humboldt und Adelbert von Chamisso verbindet sich eine Horizonterweiterung des intellektuellen Feldes im deutschsprachigen Raum, die den Eintritt in die Moderne nicht nur markiert, sondern wesentlich mitbestimmt. Der Rückgriff auf die Genannten ist daher auch nicht nur hinsichtlich der Genese moderner Wissensordnungen relevant, sondern kann auch als Ansatz für Schwerpunktverschiebungen im Verständnis unserer eigenen Gegenwart und Zukunft nutzbar gemacht werden. So kommen beispielsweise im Nachdenken über ein postnationales Europa nicht nur die Mehrsprachigkeit der Schriftsteller Forster, Humboldt und Chamisso, sondern auch deren Erfahrungen als ‚Reisende‘, als ‚Fremde‘, als ‚Nomaden‘ und als ‚Migranten‘ in den Blick. In der Reflexion des Anthropozäns wird die selbstverständliche Engführung natur- und kulturwissenschaftlicher Fragestellungen bei den Forschungsreisenden epistemologisch relevant. Die Beschäftigung mit ihnen zeigt, statt bewegter Subjekte, die eine starre Topographie durchqueren, vielmehr die Beweglichkeit und Relationalität von Konzepten wie „Preußen“, „Europa“, „Empirie“ „Welt“ oder eben „Moderne“.
Neben den bekannten Publikationen haben die genannten Reisenden auch Texte, Skizzen, Zeichnungen sowie Proben von Artefakten und Naturalien in Sammlungen hinterlassen, die in den letzten Jahren verstärkt zu Gegenständen der Forschung geworden sind. In diesen Hinterlassenschaften manifestieren sich Themenkomplexe zwischen den Begriffs- und Bestimmungspolen von Natur und Kultur – Tier- und Pflanzenwelt der Reise, Landschaften, Kartographien, Menschenbilder um 1800 –, die nicht zu trennen sind von den medialen Formaten ihres Erscheinens wie dem Tage- und Notizbuch, dem Skizzenheft, dem Gemälde, dem Briefwechsel oder der Sammlung. Diese stellen nicht nur hermeneutische Aufgaben, sondern erfordern eine Konservierungs- und Editionspraxis, die als zeitgemäße Grundlagenforschung zunehmend Mittel, Methoden und Perspektiven der digitalen Geisteswissenschaften aufnimmt und in die historische Erschließung integriert. Die Konferenz wird veranstaltet von der Staatsbibliothek zu Berlin, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Universität Potsdam und der Chamisso-Gesellschaft e.V. Sie findet zum Abschluss der von der Staatsbibliothek zu Berlin zusammen mit der Filmemacherin Ulrike Ottinger präsentierten Ausstellung WELTREISE. Forster – Humboldt – Chamisso – Ottinger statt.

3. Internationale Chamissokonferenz:
Weltreisen. Aufzeichnen, aufheben, weitergeben – Forster, Humboldt, Chamisso

25. – 27.2. 2016, Staatsbibliothek zu Berlin

Programm sowie Online-Anmeldung zur Konferenz:
http://humboldt.staatsbibliothek-berlin.de/online-anmeldung-zur-konferenz-weltreisen

Freitag, 18. Dezember 2015

Die Genese des Weltwissens – Wie das Objekt zur Erkenntnis wird - Neues Chamisso-Forschungsprojekt zu den Reisetagebüchern

Windrose aus Chamissos
Reiseaufzeichnungen
Von Matthias Glaubrecht  - Vor 200 Jahren, im August 1815, brach der französisch-stämmige deutsche Naturforscher Adelbert von Chamisso (1781-1838) – der heute meist noch als Dichter und Autor der phantastischen Novelle „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ bekannt ist – zu einer dreijährigen Reise um die Welt auf dem russi-schen Schiff „Rurik“ unter dem Kommando von Kapitän Otto von Kotzebue auf. Sie führte ihn quer über den Atlantik in den Pazifischen Ozean, dort an die Küsten Asiens und Amerikas, auf die Hawaii- und Radack-Inseln und auf der Suche nach einer Nordostpassage durch die Beringstraße in den arktischen Norden.
Pünktlich zum Jubiläum der historischen Reise von 1815 bis 1818 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) jetzt die finanzielle Förderung eines interdisziplinären Forschungsprojektes zur Erschließung und Analyse der im Zusammenhang mit Adelbert von Chamissos Weltumsegelung entstandenen Aufzeichnungen gewährt.

Freitag, 11. Dezember 2015

Literaturspaziergang zu E. T. A. Hoffmann und Chamisso am 24. Januar 2015

Auch im Januar veranstaltet Michael Bienert einen Literaturspaziergang zu seinem neuen Buch E. T. A. Hoffmanns Berlin. Treffpunkt ist die Buchhandlung Berlin Story, Unter den Linden 40. Sie öffnet extra früher, damit die Teilnehmer nicht frieren müssen, ehe es losgeht. Dauer der Tour ca. 90-120 Minuten, Preis pro Teilnehmer 9 Euro. Voranmeldung ist erwünscht. Fotos von der Führung im Dezember 2015 sehen Sie hier.